Erzählen jenseits des Nationalen. (Post-)Imperiale Raumstrukturen in der Literatur Osteuropas

Beschreibung

Die osteuropäischen Räume sind geprägt von meist jahrhundertelangen Traditionen imperialer Erfahrungen. In deren kulturellem Substrat liegt ein enormes Potential für Konflikte, aber auch für künftige Modelle der Koexistenz von nationalen und supranationalen politischen Räumen. Im Gegensatz zu den Prozessen der Nationsbildung sind die kulturellen Spuren dieses pluralen imperialen Erbes jedoch unzureichend erforscht, umso mehr, als in den Regionen selbst die nationalen Perspektiven gerade in jüngster Zeit oft die anderen zu verdrängen drohen. Das Projekt möchte aus einer narrationsorientierten Perspektive einen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Erbes leisten und widmet sich dazu v.a. slavischen Regionen aus den früheren territorialen Bereichen Russlands, des Osmanischen Reichs, des Habsburger Reichs, aber auch der Sowjetunion und Jugoslaviens. Es tut dies in regional wie diachron breiter, vergleichender Perspektive und in Verbindung des narrativen Zugangs mit räumlichen Fragestellungen.

Dies geschieht vor dem Hintergrund von neuen Konzepten des Imperialen, wie sie in der Geschichtswissenschaft entwickelt wurden. In einer Revision bisheriger Adaptierungen der sog. postcolonial studies auf Osteuropa soll dabei die Begrifflichkeit des Imperialen neu konturiert werden. Denn die hier zur Diskussion stehenden imperialen Gebilde beinhalten mehr als die Erfahrung von Macht. Durch ihre prinzipielle kulturelle Heterogenität provozieren sie vor allem Erfahrungen von Alterität in einem übergeordneten Kommunikationsraum. Wie Nationen werden sie zudem selbst zu Objekten imaginativer Konstruktionen. Diese Erfahrungen schlagen sich in der Raum-, Identitäts- und Erinnerungsbildung nieder – auch im nation building.

Das Projekt geht von der Hypothese aus, dass es Narrativierungen – und in besonderem Masse solche der Literatur – sind, in denen sich imperiale Erfahrungs- und Imaginationswelten, Modelle imperialer Fremdheitserfahrung oder kultureller Grenzkonstruktion ablesen lassen. Es will solche Lesarten in einem komparatistischen Zugang entwickeln, aus slavistischer, osmanistischer und germanistischer Perspektive und im engen Zusammenspiel von literaturwissenschaftlichen mit historischen Betrachtungsweisen. Teilprojekt 1 (Grob/Spycher) untersucht anhand des Kaukasus und Zentralasiens Repräsentationen von Russlands innerem ‚Orient‘ vor dem Hintergrund romantischer Konzeptionen der Selbstverfremdung. Teilprojekt 2 (Previšic) beschäftigt sich mit dem zentraleuropäischen Erinnerungsdiskurs zum Epochenbruch von 1917/1918 und fragt nach den zugrundeliegenden narrativen Strukturen. Teilprojekt 3 (Hodel) widmet sich einer Neulektüre südslavischer Romantiker und ihrer räumlichen Selbstverortung. Der vergleichende Zugang soll Gemeinsamkeiten imperialer narrativer Repräsentationen in diesen Räumen aufzeigen, andererseits aber gerade damit die Spezifik der einzelnen regionalkulturellen, gruppen- und zeitspezifischen Formen hervorheben.

Zur Vorbereitung dieses erfolgreichen SNF-Antrages hat Prof. Grob aus dem Forschungsfonds der Universität Unterstützung erhalten. Das Projekt steht auch in Verbindung mit den Arbeiten der Forschergruppe „Erzählkulturen“, an der eine Reihe unserer Mitglieder massgeblich beteiligt sind (Gess, Grob, Honold, Hübner, Schellewald et al.).

 

Das Projekt ist Teil des Kompetenzzentrums Kulturelle Topographien und wird 2012-2014 vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert. Die Durchführung des Projekts erfolgt in enger internationaler Zusammenarbeit mit zahlreichen KooperationspartnerInnen: