Imperiale Biographien. Polyethnische Reiche Europas als Räume individueller Erfahrung

Beschreibung

Das Forschungsprojekt (Universität Basel / LMU München) befasst sich mit dem Wechselverhältnis von autobiographischer Praxis und historischem Wandel im Russischen Reich, in der Habsburgermonarchie sowie im Osmanischen Reich im Zeitalter der anbrechenden Moderne. Ziel ist es, neuere Ansätze der Biographie- und Autobiographie-Forschung für die vergleichende Imperienforschung fruchtbar zu machen und die Vielvölkerreiche des östlichen Europa als Kommunikationsräume imperialer Reflexivität in den Blick zu nehmen. In allen drei Imperien lässt sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Zunahme autobiographischen Schreibens und Publizierens beobachten. Wie, so soll untersucht werden, korrespondierten diese Kennzeichen sich differenzierender Subjektkulturen mit dem tiefgreifenden historischen Wandel, der alle drei Großreiche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste: Nationale und revolutionäre Bewegungen sowie territoriale Expansion im Russischen Reich und der Habsburgermonarchie bzw. die Bedrohung territorialer Integrität im Osmanischen Reich warfen Fragen nach der Zukunft imperialer Herrschaft auf. Umfassende innenpolitische Reformen („Große Reformen“ (1860er/70er Jahre) sowie die konstitutionelle Wende 1905/06 im Russischen Reich), der österreichisch-ungarische „Ausgleich“ (1867) oder die „Tanzimat“ im Osmanischen Reich (1839ff.) gingen Hand in Hand mit dem politischen Aufstieg neuer sozialer Schichten. Neue regionale Zentren gewannen im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung an Bedeutung. Die fortschreitende Globalisierung auf den Feldern der Wissenschaft, Ökonomie und Kommunikation machte eine Neupositionierung imperialer Eliten auch auf internationaler Bühne notwendig.

Das Forschungsprojekt fragt danach, wie imperiale Eliten diese historischen Umbrüche in autobiographischen Texten reflektiert und mit Erzählungen über ihr eigenes Leben verknüpft haben. Dafür werden autobiographische Praktiken als Akte sozialer Kommunikation gelesen und Selbstzeugnisse nach Interpretationen imperialer Herrschaft, nach Wahrnehmungsmustern imperialer Räume sowie der Wirkungsmächtigkeit konkurrierender Konzepte kollektiver Identität (imperialer, nationaler, ständischer, religiöser, geschlechtsspezifischer, bzw. politischer Natur) befragt. Durch seinen vergleichenden und beziehungsgeschichtlichen Ansatz verspricht das Forschungsvorhaben signifikanten Erkenntnisgewinn zu Inhalt und Reichweite imperialer Identitätsentwürfe und zur Funktionsweise von Imperien als vorgestellte Gemeinschaften in Zeiten der anbrechenden Moderne. – Als Verbundprojekt wird das Vorhaben von zwei Forschergruppen an der Universität Basel (Lead Agency) sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem Collegium Carolinum (München) getragen, in denen herausragende historische Fachkompetenz zu den drei genannten Imperien gebündelt werden kann. Neben sechs Qualifikationsschriften (1 PostDoc, 5 Dissertationen) und drei kleineren Fallstudien ist die Durchführung von Nachwuchsworkshops sowie dreier internationaler Fachkonferenzen geplant.

Für dieses Verbundprojekt wurden im März 2012 im Rahmen der freien Grundlagenforschung Mittel bei SNF/DFG beantragt (Förderlinie „lead agency“) und im Februar 2013 für eine Laufzeit von drei Jahren bewilligt. Das Kooperationsprojekt wird von der Universität Basel (Prof. Dr. Frithjof Benjamin Schenk, Prof. Dr. Maurus Reinkowski) und der LMU München (Prof. Dr. Martin Aust, Dr. Robert Luft) getragen und startet zum 1. März 2013. Zur Vorbereitung des Antrags hat Prof. Schenk 2011/2012 Unterstützung aus dem Forschungsfonds der Universität erhalten.